AUF EINEN BLICK
In dieser Folge
- Du lernst, was eine Schamkultur ist und woher der Begriff stammt.
- Du erfährst, unter welchen Bedingungen das Konzept der Schamkultur entstanden ist.
- Du verstehst, warum keine Gesellschaft ausschließlich eine Schamkultur oder Schuldkultur ist.
- Du nimmst mit, dass Scham kein festes Kulturmerkmal ist, sondern ein Effekt sozialer Ungleichheit.
- Du erfährst, warum die Fragen rund um Scham und Beschämung heute aktueller sind denn je.
INHALT
Schamkultur: Ein Begriff und seine Geschichte
Nach einem etwas kuriosen „Zwischenfall“ in der letzten Folge gönnt sich Adolar erstmal einen Espresso an Bord seines Raumschiffs.
Diese kleine Auszeit nutzt Adolar direkt für eine neue Folge von Ethno-Espresso. Darin erklärt er einen Espresso lang einen Begriff aus der Ethnologie. Heute fragt er: Was sind eigentlich Schamkulturen?
Scham und Schuld sind nicht bloß Gefühle. Sie sind auch soziale Werkzeuge: Sie sind Mittel, mit denen Gesellschaften das Verhalten ihrer Mitglieder steuern. Hier setzt der Begriff der Schamkultur an, den die Anthropologin Ruth Benedict 1946 geprägt hat.
Schamkultur vs. Schuldkultur: Was steckt dahinter?
Benedict unterschied zwischen Schuldkulturen und Schamkulturen. In beiden seien unterschiedliche Mechanismen am Werk, die regulierend auf das Verhalten wirken sollen.
Sie benutzte diese Unterscheidung, um ganze Gesellschaften einzuordnen. Allerdings war ihr Konzept der Schamkultur von Anfang an politisch belastet. Es war keine neutrale Beschreibung einer Gesellschaft, sondern ein Instrument, das nicht-westliche Gesellschaften als anders markierte.
Warum das Konzept der Schamkultur nicht haltbar ist
Die spätere Ethnologie hat das Konzept zu Recht demontiert. Heute weiß man: Scham – und ebenso Schuld – gibt es überall, bei Menschen auf der ganzen Welt.
Was jedoch variiert, ist ihre soziale Gewichtung, d.h. wie diese Gefühle in die gesellschaftliche Ordnung eingebettet sind und von ihr ständig neu reproduziert werden.
Das Konzept der Schamkultur mag überholt sein – die Fragen, die es aufgeworfen hat, sind es aber nicht.
QUELLEN
Weiterführende Literatur
- Ruth Benedict: The Chrysanthemum and the Sword (1946)
- Norbert Elias: Über den Prozeß der Zivilisation (1939)
- Hans Peter Duerr: Der Mythos vom Zivilisationsprozeß, Bd. 1: Nacktheit und Scham (1988)
- Sighard Neckel: Status und Scham. Zur symbolischen Reproduktion sozialer Ungleichheit (1991)
- Millie Creighton: Revisiting Shame and Guilt Cultures: A Forty-Year Pilgrimage (1990, Ethos)
- Pierre Bourdieu: Die feinen Unterschiede (1979)
- Michaela Bauks / Martin F. Meyer (Hg.): Zur Kulturgeschichte der Scham (2011)
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