AUF EINEN BLICK
In dieser Folge
- Du lernst, was es wirklich bedeutet, einen Menschen zu „lesen“.
- Du erfährst, was kulturelle Codes sind und wie sie unser Bild von anderen Menschen prägen.
- Du erkennst an drei Alltagsbeispielen, wie soziales Lesen zu struktureller Ungleichheit führt.
- Du nimmst mit, was das Konzept des Othering in der Ethnologie bedeutet.
Das ist eine Exklusiv-Folge. Sie ist nur für Crew-Mitglieder zugänglich.
HINWEIS
Zu dieser Folge gibt es Extras für Crew-Mitglieder
Anthronaut Report #2: Othering: Die Konstruktion der „Anderen“
Der Anthronaut Report im PDF-Format liefert noch mehr Hintergrundwissen zum Othering-Konzept. Er steht zum Download bereit.
INHALT
Willkommen in Sektor 7 oder: Othering durch einen Roboter, der dich als „anders“ liest
Adolar landet auf der Raumstation RAVANA-7. Er will nur Espresso-Bohnen kaufen. Aber ein Sicherheitsroboter scannt ihn und schickt ihn in einen abgetrennten Bereich namens Sektor 7. Dabei hat der Roboter nur Adolars Äußeres gescannt und ihn direkt in eine Schublade gesteckt.
Was Adolar auf RAVANA-7 erlebt, passiert täglich überall auf der Erde. Wir nennen es, einen Menschen „lesen“ oder als „anders“ lesen. Dafür gibt es auch ein wissenschaftliches Konzept: Othering.
Was bedeutet es, jemanden zu „lesen“?
Der Begriff „einen Menschen lesen“ taucht immer wieder in öffentlichen Diskursen auf. Man sagt zum Beispiel: Eine Person wird migrantisch gelesen. Aber was ist damit gemeint?
In dieser Folge erklärt Adolar, welcher Mechanismus hinter dem „Lesen“ von Menschen steckt – und auch, warum das kein neutraler Vorgang ist.
Schnell wird klar: Wir lesen nicht, wer jemand wirklich ist. Wir lesen, was kulturelle Codes uns über eine Person sagen.
Kulturelle Codes: die unsichtbare Grammatik der Gesellschaft
Kulturelle Codes sind wie eine Grammatik, die man nicht erklären kann, aber trotzdem beherrscht. Wir wissen, was Zeichen wie z.B. eine bestimmte Frisur oder eine Art, sich zu kleiden, bedeuten. Wir wissen aber oft nicht, warum.
Hier geht es auch nicht um objektive Wahrheiten, sondern darum, dass unsere Gesellschaft diesen Zeichen Bedeutungen zugewiesen hat, die Bewertungen erlauben.
Solche kulturellen Codes – die Verbindung zwischen Zeichen, Bedeutung und Bewertung – sind historisch gewachsen. Sie sind Teil unserer Geschichte.
Spannend wird es dann, wenn jemand von diesen Codes abweicht: Diese Personen werden besonders sichtbar für andere – und das kann Konsequenzen haben.
Wenn Lesen ungerecht wird: 3 Beispiele aus dem Alltag
Adolar macht das Thema greifbar mit drei konkreten Beispielen:
- Eine Person mit arabisch klingendem Namen sucht eine Wohnung.
- Ein queeres Paar zeigt sich in der Öffentlichkeit.
- Alter und Geschlecht spielen bei einem Business-Meeting eine Rolle.
In allen drei Fällen wird ein spezifisches Merkmal als Zeichen gelesen – und dieses Zeichen entscheidet darüber, wem Zugehörigkeit, Autorität oder Chancen zugeschrieben werden.
In der Folge hörst du auch, warum das kein Zufall ist, sondern System hat.
Othering: Wie ein „Wir“ das „Andere“ erschafft
Die Ethnologie kennt den Begriff Othering seit vielen Jahrzehnten. Gemeint ist damit, ein „Wir“ herzustellen, indem man ein „Anderes“ konstruiert.
Wer in Deutschland als Migrant:in gelesen wird, macht sichtbar, was das unausgesprochene Bild des „echten Deutschen“ ist. Wer als queer gelesen wird, zeigt, dass Heterosexualität als selbstverständlich gilt. Wer „zu alt“ für einen Job ist, zeigt, welches Bild von Leistung als Norm gesetzt ist.
Othering braucht keine böse Absicht. Es steckt in Alltagsroutinen, Sprachmustern und der Berichterstattung in den Medien – und trifft die besonders hart, die der Norm eigentlich nahestehen, aber trotzdem immer wieder als „anders“ gelesen werden.
Der ethnologische Blick: Weg vom Gelesenen, hin zum Lesen
Spätestens mit dem Aufkommen des Postkolonialismus in den 1970er und 80er Jahren richtet die Ethnologie ihren Blick vor allem auf den Mechanismus des Lesens. Sie fragt nicht: Wer ist diese Person? Sie fragt: Wie wird diese Person gelesen – und warum?
Es geht dabei um Bilder, die die Medien erzeugen, vor allem aber um die Frage nach den Machtverhältnissen, die dieses Lesen möglich machen. Das ist ein wichtiger Perspektivwechsel. Denn eigentlich ist nicht die gelesene Person das, was erklärt werden muss. Es ist die Praxis des Lesens selbst.
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