AUF EINEN BLICK
In dieser Folge
- Du lernst eine ethnologische Perspektive zum Fall Leihmutter / Jens Spahn kennen.
- Du erfährst, warum dieser Fall einen kulturellen Widerspruch sichtbar macht.
- Du erkennst, wie sich die verschiedenen Arten von Mutterschaft unterscheiden.
- Dir wird klarer, warum „Mutter sein“ eine kulturelle Kategorie ist.
HINWEIS
Zu dieser Folge gibt es Extras für Crew-Mitglieder
Exklusiv-Folge: Ethnologische Perspektiven auf den globalen Leihmutter-Markt
In dieser Exklusiv-Folge geben ethnografische Studien aus USA, Israel und Indien EInblicke in den globalen Markt der Leihmutterschaft und dessen Ungleichheiten.
INHALT
Dubiose Leihmutter-Deals auf New Haven, Jens Spahn auf der Erde
Auf der Raumstation New Haven beobachtet Adolar, wie ein Sicherheitsbeamter ein schwangeres Wesen abführt. Er folgt den beiden unauffällig. Dabei kommt er dubiosen Leihmutter-Deals auf die Spur, die ihm so gar nicht gefallen.
Da in den Medien auf der Erde gerade heftig über die „Leihmutteraffäre“ rund um Jens Spahn diskutiert wird, nimmt Adolar dies zum Anlass, um das Thema ethnologisch einzuordnen: Wie blickt die Ethnologie auf das Phänomen Leihmutterschaft? Und was würden Ethnolog:innen zum Fall Jens Spahn sagen?
Adolar aktiviert seinen Anthrolyzer und schaut sich das Ganze ethnologisch an.
Dank einer Leihmutter wurde Jens Spahn Vater
Am 16. Juli 2026 wurde bekannt, dass der damalige CDU/CSU-Fraktionsvorsitzende Jens Spahn und sein Ehemann Daniel Funke Vater eines Sohnes geworden sind. Das Kind wurde ausgetragen von einer Leihmutter in den USA. Zwei Tage später trat Spahn zurück.
Spahn hatte sich öffentlich gegen Leihmutterschaft ausgesprochen und noch im Februar 2026 einem CDU-Beschluss zugestimmt, der Leihmutterschaft weiter verbieten sollte. Dann tat er genau das, was er abgelehnt hatte. Aber eben im Ausland, wo es legal war.
Wenn moderne Reproduktion klassische Bilder von Familie infrage stellt, kann die Ethnologie helfen
Die Ethnologie fragt nicht, ob Leihmutterschaft erlaubt oder verboten ist. Sie fragt: Was passiert mit Vorstellungen von Mutterschaft, Familie und Verwandtschaft, wenn eine Frau ein Kind für andere austrägt?
Durch moderne Technologien der Reproduktion ist heute eine Gestationsleihmutterschaft möglich. Dabei wird ein befruchteter Embryo in die Gebärmutter einer anderen Frau eingesetzt. Die Leihmutter ist genetisch nicht mit dem Kind verwandt. Sie ist lediglich die Austragende, die das Kind in ihrem Körper zur Welt bringt.
Das bedeutet: Genetische, gestative und soziale Mutterschaft fallen auseinander. Drei Frauen können heute an der Entstehung eines Kindes beteiligt sein, und keine muss zwingend als „die Mutter“ gelten.
Im Fall Jens Spahn fehlt die soziale Mutter sogar ganz. Zwei Männer übernehmen die Elternschaft. Aus ethnologischer Sicht ist das keine Anomalie, sondern eine von vielen möglichen Formen von Verwandtschaft, die in anderen Kulturen und Epochen durchaus bekannt ist.
Was die Ethnologie über Leihmutterschaft weiß ist verblüffend
In westlichen Gesellschaften gilt biologische Abstammung als selbstverständliche Grundlage für Verwandtschaft.
Doch durch Feldforschungen und anhand von mehreren Studien zeigt die Ethnologie: Verwandtschaft wird in verschiedenen Kulturen sehr unterschiedlich definiert, z.B. durch Zusammenwohnen, gemeinsame Rituale oder emotionale Verbundenheit – und nicht durch Genetik.
Leihmutterschaft macht diese Vielfalt sichtbar, weil sie eine Entscheidung erzwingt: Welche Form von Verbindung soll als Verwandtschaft gelten?
In dieser Folge wird deutlich: „Mutter“ ist keine biologische Konstante. Sie ist eine kulturelle Kategorie, die von Gesellschaften ausgehandelt wird und sich auch verändern kann.
Höre auch Teil 2 dieser Folge über den globalen Leihmutterschafts-Markt.
QUELLEN
Weiterführende ethnologische Literatur
- Marilyn Strathern: Reproducing the Future. Essays on Anthropology, Kinship and the New Reproductive Technologies (1992)
- Helena Ragoné: Surrogate Motherhood. Conception in the Heart (1994)
- Sarah Franklin & Helena Ragoné (Hg.): Reproducing Reproduction. Kinship, Power, and Technological Innovation (1998)
- Elly Teman: Birthing a Mother. The Surrogate Body and the Pregnant Self (2010)
- Amrita Pande: Wombs in Labor. Transnational Commercial Surrogacy in India (2014)
- Daisy Deomampo: Transnational Reproduction. Race, Kinship, and Commercial Surrogacy in India (2016)
- König, Anika, Andrea Whittaker, Trudie Gerrits, and Virginie Rozée (Eds.). 2022. Shifting Surrogacies: Comparative Ethnographies. Special Issue. International Journal of Comparative Sociology 63 (5-6)
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