Was Bier über uns verrät - Bierbrauen als kulturelle Praxis - Anthronaut Folge 32

Was Bier über uns verrät – Bierbrauen als kulturelle Praxis

AUF EINEN BLICK

In dieser Folge

  • Du erfährst, woher das Bierbrauen kommt und seit wann es diese kulturelle Praxis bereits gibt.
  • Du lernst die Begriffe “diacritical drinking” und “commensal politics” des Anthropologen Michael Dietler kennen.
  • Du erkennst, dass Bier nie nur ein Getränk ist, sondern immer auch soziale Bedeutung trägt.
  • Und dass Bewirtung eine Form von Macht ist – was sogar Unternehmen und Länder für sich nutzen.
  • Du erfährst, welche Folgen der Kolonialismus auf lokale Bierbrau-Traditionen in verschiedenen Ländern hatte.
  • Und wie die moderne Craft-Beer-Bewegung kulturelle Identität konstruiert.

INHALT

Bei einem Bier im Nirgendwo erkundet Adolar die Kultur des Bierbrauens

Auf dem Außenposten ohne Namen macht Adolar eine kurze Pause und gönnt sich dabei ein Bier. Es ist ausgerechnet ein Bier von der Erde. Gibt’s denn sowas?

Für Adolar ist das ein vertrauter Geschmack in fremder Umgebung. Genau das bringt ihn auf eine Frage: Woher kommt die Kultur des Bierbrauens eigentlich? Und was steckt da alles symbolisch dahinter?

Bier ist schon immer tief in soziale und politische Strukturen eingebettet

Adolar benutzt mal wieder den Anthrolyzer – und was der dazu ausspuckt, ist beeindruckend: Wusstet ihr zum Beispiel, dass Bierbrauen zu den ältesten kulturellen Praktiken der Menschheit zählt? Dabei war Bier von Anfang an tief in soziale, religiöse und politische Strukturen eingebettet.

Der Anthropologe Michael Dietler sagt, Alkohol funktioniert seit jeher als soziales Unterscheidungsmittel. Was jemand trinkt, wie er es trinkt, mit wem und aus welchem Gefäß: All das kodiert soziale Positionen wie Klasse, Geschlecht, Ethnizität oder politischen Status.

Wenn Bewirtung zur Macht-Ressource wird

Bei den Luo in Westafrika ist zum Beispiel Hirsebier das zentrale Medium politischer Organisation auf Gemeindeebene. Wer ein Fest ausrichtet, lädt ein, schenkt aus und schafft damit soziale Verpflichtungen.

Dietler nennt das eine Politik durch gemeinsames Essen und Trinken. Macht wird hier nicht durch Zwang ausgeübt, sondern durch Großzügigkeit. Wer am meisten ausschenkt, hat am meisten Einfluss. Bewirtung wird die primäre Machtressource.

Der Anthropologe John G. Kennedy kam zu ähnlichen Erkenntnissen. Er hat bereits in den 1960er Jahren die Tarahumara in Nordmexiko erforscht. Dort organisiert Bier gemeinschaftliche Arbeit. Wenn jemand Arbeit hat, braut er Bier und lädt die Nachbarn ein. Die Einladung ist gleichzeitig eine Bitte um Arbeitshilfe. Wer kommt, arbeitet und trinkt. Ohne Bier keine Arbeit.

Oft brauten Frauen das Bier – bis andere etwas dagegen hatten

In einer Vielzahl von Gesellschaften weltweit war Brauen traditionell Frauenarbeit – und eine Quelle wirtschaftlicher Autonomie. Frauen, die Bier herstellten und verkauften, verfügten über eigene Einnahmen und damit über eine eigenständige soziale Position.

Doch koloniale Verwaltungen und Missionen griffen gezielt in diese Praxis ein. Mit dem Argument des Moralschutzes drängten sie Frauen aus ökonomischen Räumen. Als Folge des Kolonialismus wurden so traditionelle Solidaritätsnetzwerke zerstört.

Craft Beer als Gegenbewegung zu den großen Bierbrauern

Heute erlebt Bierbrauen in einem ganz anderen Kontext eine Renaissance: in der Craft-Beer-Bewegung. Hier wird Brauen als Gegenbewegung zur industriellen Massenproduktion inszeniert – als Rückbesinnung auf Handwerk, Regionalität und Authentizität.

Der Anthropologe Alexandre Enkerli hat gezeigt, dass Craft Beer auch ein Medium der Identitäts-Aushandlung ist. Wer Craft Beer braut oder trinkt, positioniert sich kulturell.

Bier ist eben nie nur Bier, sondern immer auch eine Aussage über die Person, die es herstellt oder konsumiert.

QUELLEN

Weiterführende ethnologische Literatur

  • Wulf Schiefenhövel und Helen Macbeth (Hg.): Liquid Bread: Beer and Brewing in Cross-Cultural Perspective (Berghahn Books, 2011)
  • Michael Dietler: Alcohol: Anthropological/Archaeological Perspectives (Annual Review of Anthropology, 2006)
  • Michael Dietler: Theorizing the Feast: Rituals of Consumption, Commensal Politics, and Power in African Contexts (in: Feasts, hg. von Dietler und Hayden, Smithsonian Institution Press, 2001)
  • Michael Dietler: Driven by Drink: The Role of Drinking in the Political Economy and the Case of Early Iron Age France (Journal of Anthropological Archaeology, 1990)
  • John G. Kennedy: The Role of Beer in Tarahumara Culture (American Anthropologist, 1963)
  • Igor de Garine und Valerie de Garine (Hg.): Drinking: Anthropological Approaches (Berghahn Books, 2001)
  • Alexandre Enkerli: Brewing Cultures: Craft Beer and Cultural Identity (2006, unveröffentlichtes Konferenzpapier, zitiert in antropologi.info)
  • Frances Hayashida: Ancient Beer and Modern Brewers: Ethnoarchaeological Observations of Chicha Production in Peru (Journal of Anthropological Archaeology, 2008)

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